Der Fashion Transparency Index 2019 – Die Ergebnisse

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In der vergangenen Woche drehte sich bei uns (fast) alles um die Fashion Revolution Week. Viele von Euch wissen: Die Geburtsstunde der weltweiten Bewegung ist so markant wie tragisch: Es war der 24. April 2013, als Rana Plaza einstürzte, ein achtgeschossiges Gebäude im bengalischen Sabhar, in dem sich hauptsächlich Textilarbeiterinnen aufhielten. Mehr als 1.100 Menschen kamen ums Leben und beinahe dreimal so viele wurden schwer verletzt. Dass das Gebäude einsturzgefährdet war und diese Tatsache den Verantwortlichen offenbar auch hinlänglich bekannt gewesen ist, davon erzählt der 400-seitige Bericht der Untersuchungskommission. Ungeschehen machen kann das die Tragödie aber nicht. Dazu bedarf es – und hier setzt Fashion Revolution an – eines globalen Netzwerkes, das die Modeindustrie nachhaltig und nachdrücklich ändert und beobachtet & indexiert, in welchem Umfang bestimmte Unternehmen sich in puncto Transparenz verbessern.

Der Fashion Transparency Index tut genau das. Seit 2016 bewertet er die weltweit größten Marken in Bezug auf Transparenz in der Lieferkette sowie Sozial- und Umweltpolitik. Untersucht werden dabei Brands, die jährlich einen Umsatz von mindestens 500 Millionen US-Dollar machen – in diesem Jahr waren das 200 Marken. Inhaltlich geht es insbesondere um fünf Schlüsselbereiche, die für das Ranking relevant sind:

1 Grundsätze und Verpflichtungen
2 Steuerung
3 Verfolgbarkeit der Lieferkette
4 Lieferantenbewertungen, Korrekturen und Missstände
5 ‚Spotlight-Themen‘, also drängende Fragen nach bspw. Geschlechtergleichstellung, Arbeitsschutz oder Klimaschutzmaßnahmen

Die Methodik steht und fällt mit der Bereitschaft der Firmen, Informationen zu den genannten Punkten zu teilen. Je mehr Bereitwilligkeit zur Transparenz, desto besser die Resultate, so die einfache Logik des Fashion Transparency Index.
Das Gute nun vorweg: Es hat sich in den vergangenen vier Jahren tatsächlich vieles verbessert. Bei 250 zu erreichenden Punkten haben Adidas, Reebok und Patagonia jeweils 64% geholt und teilen sich damit den ersten Platz. Es folgen Esprit, H&M, C&A, Asos und Puma. Im Vergleich zu den beiden Vorjahren ist das ein deutlicher Fortschritt: 2017 hatte es keine der Marken über die 50%-Hürde geschafft. Es zeigt sich, dass vor allen Dingen Marken, die im Sportswear- und Outdoor-Bereich agieren, wachsende Bereitschaft zeigen, zu den genannten Key Points Stellung zu beziehen.

Sarah Ditty, die Policy Director bei Fashion Revolution ist, vermerkt dazu im offiziellen Pressebericht zum Fashion Transparency Index: „Die Fortschritte, die wir in diesem Jahr beobachten können, und die Rückmeldungen, die Fashion Revolution von den Marken erhalten hat, legen nahe, dass die Aufnahme in den Fashion Transparency Index die großen Modemarken zu mehr Transparenz motiviert hat. Wir sehen, dass viele Marken ihre Lieferantenlisten veröffentlichen und ihre Punktzahlen von Jahr zu Jahr verbessern.“ Diese Verbesserung lässt sich sogar ganz exakt beziffern: Bei den 98 Marken, die bereits 2017 und 2018 überprüft wurden, hat sich der durchschnittliche Score um 8,9% verbessert. 11 dieser Marken haben ihren Score sogar um über 10% anheben können – eine Zahl, die zeigt, dass der Druck in der Branche offenbar wächst.

Im Bereich der Luxusmarken konnten insbesondere Gucci und Bottega Veneta punkten. Mit einem Rating zwischen 31 und 40% liegen sie zwar deutlich unter den oben genannten Sportmarken, haben dafür aber in den Bereichen „Grundsätze und Verpflichtungen“ und „Steuerung“ 100% erreichen können. Auch Chanel, Sandro und Dior konnten ihre Scores verbessern und zeigen, dass vermehrt auch die großen Modehäuser Informationen zu ihren Lieferketten offenlegen.

So positiv die Entwicklungen auf den ersten Blick auch scheinen, so sehr bemüht sich Ditty dennoch auch darum, zu betonen, dass die Arbeit noch lange nicht getan ist. Außerdem gibt der Index natürlich nicht unmittelbar Aufschluss darüber, wie ethisch oder nachhaltig ein Unternehmen agiert, sondern bildet zunächst einmal ab, wie groß die Bereitschaft der Marken ist, sich öffentlich zu ihren Menschenrechts- & Umweltpraktiken und deren Konsequenzen zu bekennen. Dass das aber einer der wichtigsten Hebel zu mehr Verantwortung & Verbindlichkeit ist, bestätigt Ditty gleichermaßen: „Wir werden den Index weiterhin nutzen, um den Fortschritt der Marken zu messen und sie härter und schneller dazu zu bringen, mehr Verantwortung für ihre Richtlinien, Praktiken und Auswirkungen zu übernehmen.“

Ihr möchtet einen Blick in den aktuellen Fashion Transparency Index werfen? Dann schaut hier nach!

Buchtipp & Verlosung

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Was haben wir uns gefreut, als wir in „Alles Jersey. Basics nähen“ plötzlich unsere Stoffe entdeckt haben – und das gleich auf mehreren Seiten. Das Buch von Lisa Janko-Grasslober ist ein kompakter Band für Näheinsteiger*innen, wunderbar erklärt und bebildert und enthält obendrein zwei Schnittmusterbögen mit insgesamt 13 Schnittmustern. Aus gegebenem Anlass haben wir uns mit Lisa getroffen und ihr ein paar Fragen gestellt, die wir einfach dringend loswerden mussten. Außerdem gibt es ein kleines Gewinnspiel, an dem Ihr unbedingt teilnehmen solltet – dazu aber mehr am Ende!

Erst einmal Glückwunsch zum Buch! Wann genau war für dich klar, dass du dieses Buch machen möchtest?
Danke vielmals. Ich kann es selbst noch nicht glauben, dass es tatsächlich ein Buch von mir im Geschäft gibt. Insgeheim wollte ich schon immer ein Nähbuch schreiben. Hätte aber nie damit gerechnet dass es dann doch so schnell gehen würde. Als der Verlag mich im Sommer kontaktierte und dann auch noch von meinem Themenvorschlag begeistert war, wusste ich, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist. Die Kollektion war innerhalb von zwei Tagen am Papier, weil ich das Thema Capsule Wardrobe schon lange mit mir rumgetragen hatte.
Im Buch zeige ich, wie aus fünf Grundschnitten durch den Einsatz von unterschiedlichen Stoffarten und Variation in der Verarbeitung komplett neue Kleidungsstücke entstehen. Ein gutes Beispiel dafür ist der T-Shirt Grundschnitt mit Rundhals, den ich zu einem Shirt mit V-Ausschnitt, einem Rüschenshirt sowie einem Top abgewandelt habe. Ich möchte mit dem Buch zeigen, wie einfach es ist, aus einem Grundschnitt unzählige Varianten abzuleiten.


Kannst du uns vielleicht kurz ein wenig über dich erzählen?
Ich lebe mit meiner kleinen Familie im wunderschönen Wien und bin seit drei Jahren mit meinem Schnittmusterlabel www.fashiontamtam.com selbstständig. In Kürze launche ich einen Online-Nähkurs, speziell für Nähanfänger, das wird dann ein weiteres Standbein für mich. 
Davor habe ich im Bereich PR und Social Media gearbeitet. Das Nähen und Designen habe ich im Modekolleg Herbststraße gelernt. Das habe ich mit 28 Jahren, nach erfolgreich abgeschlossenem Publizistik-Studium, absolviert. Zu dem Zeitpunkt war ich Angestellte in einer PR-Agentur und war mir unsicher, ob ich den zweiten Bildungsweg einschlagen soll. Im Nachhinein war das eine der besten Entscheidungen meines Lebens und ich bin ich so froh, dass ich das gemacht habe. Ich liebe meinen Job und kann mir nichts besseres vorstellen, als Schnittmuster zu designen und fast täglich zu Nähen.


An wen richtet sich das Buch in erster Linie und welches war dein Anliegen, als du begonnen hast, daran zu arbeiten?
Das Buch richtet sich an alle die gerne nähen möchten. Mein Anliegen ist es die Leser zu inspirieren sich an die Nähmaschine zu setzen und sich ihre Kleidung zu nähen. Daher sind auch die Schnittmuster bewusst einfach gehalten. Durch das Verarbeiten von hochwertigen Stoffen und unterschiedlichen Verarbeitungsmethoden entstehen immer wieder neue Kleidungsstücke. Ohne großen Nähaufwand, dafür aber absolut tragbar und langlebig. 
Außerdem war mir wichtig, mich nicht an kurzlebigen Trends zu orientieren, sondern herauszufinden, was die Basic-Kleidungsstücke sind die auch noch die nächsten Jahre tragbar sind.


Ist Nachhaltigkeit für dich ein Thema und worauf legst du dabei einen besonderen Fokus?
Mir ist Nachhaltigkeit sehr wichtig. Ich nähe auch unter anderem deswegen, weil ich nicht von der Fast Fashion Industrie abhängig sein möchte. Ich achte darauf nachhaltige Stoffe zu verwenden, alte Kleidung einem Upcycling zu unterziehen und Stoffspenden zu vernähen. 
Ich nähe lieber wenige Kleidungsstücke, die ich wirklich brauche, als Trendteile die dann im Kasten liegen bleiben. Bevor ich also einen neuen Stoff kaufe oder ein Schnittmuster entwerfe frage ich mich auch jedes Mal: Brauche ich dieses Teil wirklich? Kann ich es mit anderen Kleidungsstücken aus meinem Schrank kombinieren? Erst wenn ich beides mit „Ja“ beantworte, wird die Nähmaschine angeworfen.


Was steht als Nächstes an? Planst du ein weiteres Buch?
Ein weiteres Nähbuch ist vorerst nicht geplant. Im Moment konzentriere ich mich voll und ganz auf meinen Online-Nähkurs, den ich gemeinsam mit meiner Kollegin Annika von Schnittliebe erstelle. Im Video-Kurs zeigen wir Nähanfängern alles, was sie wissen müssen um sich ihre Kleidung zu nähen. Viele haben ja nicht die Möglichkeit oder Zeit einen Nähkurs zu besuchen, da ist unser Nähkurs perfekt, denn er kann ganz easy daheim gemacht werden.

Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast und alles Liebe für alle zukünftigen Projekte!

„Alles Jersey“ mit dem Schwerpunkt Basics gibt es seit März im Handel. Auf Lisas Blog könnt Ihr am Gewinnspiel teilnehmen, bei dem Ihr das Buch in Kombination mit Lebenskleidung-Stoff gewinnen könnt!
Dazu
schaut doch bitte hier vorbei und hinterlasst einen Kommentar dazu, welches Schnittmuster Euch am besten gefällt. Auslosen wird Lisa die Gewinnerin dann am 15. April um 10 Uhr! Wir wünschen Euch ganz viel Freude und Glück!

Alle Fotos: Maximilian Salzer, www.maximiliansalzer.com

Die Spielzeugnorm – und wie man sie testet. Ein Überblick

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Nachdem wir uns Ende letzten Jahres darauf geeinigt hatten, dass unser Neujahrsvorsatz 2019 auf jeden Fall sein sollte, öfter hinter die Kulissen zu schauen, mehr nachzufragen und noch transparenter zu werden, haben wir dieses Versprechen auch gleich eingelöst – und uns mit Mandy Geddert getroffen. Mandy ist die Frau hinter den Gummibändern, die Ihr seit vergangenem Mai bei uns im Shop kaufen könnt. Da wir immer wieder Nachfragen erhalten, bei denen es darum geht, wie sicher diese Bänder sind – insbesondere, wenn man sie in Kinderspielzeug einsetzt – war es sozusagen ein glücklicher Zufall, dass Mandy ihre Bänder soeben hat testen lassen!

Hallo Mandy! „Spielzeugnorm“, das hat Jede/-r irgendwie schon mal gehört, aber konkret vorstellen können sich darunter dann doch die Wenigsten. Vor Kurzem sind Deine Gummibänder getestet worden. Wieso genau hast Du Dich dafür entschieden?

Ich bekam konkrete Anfragen von Spielzeugherstellern,  speziell für Puppen. Sie hatten offensichtlich Probleme bei der Beschaffung von schwermetall-  und nitrosaminarmen Gummibändern, die in der Spielzeugherstellung für Babys und Kleinkinder unter 36 Monaten eingesetzt werden können. Bei der beschriebenen Zielgruppe sind die gesetzlichen Anforderungen höher als für die Spielzeugnorm. Babys und Kleinkinder stecken bestimmungsgemäß alles in den Mund. Durch das Speicheln und Nagen an Spielzeugen können Bestandteile, wie kleine Härchen von Fasern, in den Verdauungstrakt gelangen und somit in den gesamten Organismus, und können diesen aufgrund ihrer Inhaltsstoffe schädigen. Nitrosamine gelten bereits in sehr kleinen Mengen als krebserregend. Insofern sind die deutschen Grenzwerte für Nitrosamine sehr niedrig angesetzt.

Von Nitrosaminen hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nichts gehört. Ich musste mich erst einmal schlau machen. Unterstützung bei der Recherche erhielt ich von Nadja Lüders, der Spezialistin für Spielzeugnormen. Das Thema war dann für mich  plötzlich so spannend, dass mich der Ehrgeiz packte herauszufinden, welche Inhaltsstoffe in meinen Bändern steckten, von denen ich ggf. keine Kenntnis hatte.

Schön, dass Du da gleich Nachforschungen angestellt hast! Und da Du nun Expertin bist: Was sind diese Nitrosamine und N-nitrosierbare Substanzen?

Nitrosamine kommen in ganz unterschiedlichen Bereichen vor: in Nahrungsmitteln, Tabak, Kosmetika oder Bedarfsgegenständen aus Latex/Kautschuk. Bei der Kautschukherstellung werden aminhaltige Chemikalien als Konservierungsstoffe bzw. Vulkanisationsbeschleuniger verwendet, die während des Produktionsprozesses zu Nitrosaminen umgewandelt werden können.

Bei N-nitrosierbaren Substanzen handelt es sich um Vorläufer der Nitrosamine, die erst nach dem Übergang aus dem Speichel im sauren Milieu des Magens zu den krebserzeugenden Nitrosaminen umgewandelt werden können.
(Quelle: Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit Bayern)

Mandy Geddert während der Munich Fabric Start mit einem Kunden – und ihren Bändern

Wie läuft so ein Test ab, welche sind die einzelnen Schritte und wie lange dauert so etwas?

Für einen Test reichte ich eine Mustermenge von 25 Gramm pro Band ein. Das Prüfverfahren auf Schwermetalle simuliert mit künstlichem Magensaft die Löslichkeit bestimmter Substanzen und Elemente des Testobjekts. Dieser Prozess nennt sich Prüfung zur Migration.
In diesem Verfahren wurden aus den einzelnen Bestandteilen die löslichen Stoffe in einer Menge extrahiert, welche dem Anteil im Verdauungstrakt nach dem Verschlucken möglichst nahe kommt.
Anschließend wurde die Konzentration der gelösten Stoffe genau bestimmt und diese Konzentration in 1 Kilogramm des Testobjekts ermittelt. Anhand von definierten Grenzwerten ließ sich dieser Wert dann gemäß EN 71-3 als unbedenklich oder kritisch einordnen. Somit war schnell ersichtlich, ob die Norm erfüllt wurde.

Bei der Prüfung auf Nitrosamine und N-nitrosierbare Substanzen wurden die textilummantelten Gummischnüre mit Speichelprüflösung versetzt und mehrere Stunden lang bei einer Temperatur um 40 Grad Celsius aufbewahrt. Die Speichellösung wurde anschließend gemäß DIN EN 71–12 auf Nitrosamine und N-nitrosier­bare Stoffe untersucht. Die Prüflaufzeit dauerte 10 Tage.

In welchen Bereichen/bei welchen Produkten ist es besonders wichtig, die Spielzeugnorm zu beachten?

Die Sicherheit von Spielzeugen und Spielgeräten ist in der Europäischen DIN Norm EN 71 geregelt und in der Bedarfsgegenständeverordnung. Strengere Grenzwerte gelten vor allem für Spielzeug/Babyartikel für Kinder unter 3 Jahren, die in den Mund genommen werden sollen.

Was genau wurde bei dem von Dir in Auftrag gegebenen Test geprüft und vor allem: Wie waren die Resultate?

Geprüft wurde auf Schwermetalle wie Aluminium, Antimon, Arsen, Cadmium, Barium, Bor, Chrom, Chrom III, Chrom VI, Kobald, Kupfer, Blei, Mangan, Quecksilber, Nickel, Selen, Strontium, Zinn und Zink. Und N-Nitrosamine sowie N-Nitrosierbare Stoffe. Die Prüfergebnisse lagen alle sehr deutlich unter den angegebenen Grenzwerten.

Weiß ein Großteil der Kundinnen in der Regel bereits, welche Normen es bei der Produktion zu beachten gilt, oder ist das tatsächlich ein gemeinsames Lernen und Weiterbilden?

Meine Kund*innen, die professionell Spielzeuge herstellen, kennen sich sehr gut mit den Richtlinien aus. Eben weil die Europäischen Anforderungen in diesem Bereich sehr hoch sind. Für mich ist es eher ein Lernen und Weiterbilden.