Consortium of Green Fashion India – Was Mahatma Gandhi mit Slow Fashion zu tun hat

Mahatma Gandhi
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Bereits zum 4. Mal fand vom 30.09. – 01.10.2016 die Green Fashion Conference des Consortiums of Green Fashion Indien statt.

Das Consortium of Green Fashion hat sich im Jahr 2012 in Indien gegründet, um das ökologische Bewusstsein in der Mode- und Textilindustrie zu stärken und als Informationsplattform für Entscheider in der Industrie zu dienen.

Indien als zweitgrößter Faser- und Textilproduzent weltweit hinter China benötigt angesichts oft katastrophaler Arbeitsbedingungen und unzumutbaren Zuständen auf den Baumwollfeldern und in den weiterverarbeitenden Betrieben dringend solche vorbildlichen Initiativen.

CGF
Eines der CGF Logos

Das Consortium of Green Fashion geht auf eine Initiative der School of Fashion Technology SOFT Pune, Indien zurück. Benjamin Itter ist für Lebenskleidung von Anfang an dabei und hat bereits während seiner Indienaufenhalte in den Jahren 2006-2008 (als Lebenskleidung gegründet wurde) in seiner Projektarbeit für das Goethe Institut Pune (Max Mueller Bhavan) die ersten Kontakte geknüpft und die erste Konferenz in Kooperation durchgeführt. Heute sitzt er im Beirat des Vorstandes des Konsortiums.

Benjamin Itter
Benjamin Itter auf der Consortium of Green Fashion India Conference 2015

SOFT Pune wurde 1998 in Zusammenarbeit mit dem National Insitute of Fashion Technology, Indien  mit dem Ziel gegründet, ausschließlich junge Frauen zu fördern und auszubilden, welche die Entscheider von Morgen in der indischen Textilindustrie werden.

Die Dachgesellschaft Maharshi Karve Stree Shikshan Samstha widmet sich bereits seit 1896 (!) der Ausbildung und Förderung von Frauen. Durch regelmäßige Workshops mit dem Fokus auf die Themen Grüne Mode, Faire Geschäftspraktiken und Upcycling bringt SOFT heute seine Studentinnen exklusiv mit allen Fragen rund um Nachhaltigkeit in der Textilindustrie in Berührung.

Die letzten Jahre waren vor allem die Modeschauen des Green Fashion Consortiums (mit ausschließlich nachhaltigen Materialien) indienweit Gesprächsthema.

In diesem Jahr war die MS University Vadodara (Baroda) im Bundesstaat Gujarat Gastgeber des Events. Die MS University ist eine der ältesten Universitäten Indiens und bereits seit den 1950er Jahren können Studentinnen und Studenten hier Modedesign und Textilmanagment studieren.

CGF

Thema der Konferenz war diesmal: „Empowering Khadi and Handloom“. Warum? Indien hat heute die größte Vielfalt an traditionellen Textiltechniken anzubieten.

 

Mehr als 80% aller weltweit per Hand hergestellten Textilien, das heißt handgesponnene, handgewebte oder per Hand bestickte Stoffe und Textilien kommen aus Indien. Ca. 100 Millionen (!) Menschen in Indien verdienen ihren Lebensunterhalt mit der traditonellen Herstellung von Textilien.

Charka
Eine Frau im indischen Bundesstaat Bihar spinnt Baumwolle

Khadi

Der Begriff Khadi geht auf Mahatma Gandhi zurück. Im Zuge des indischen Unabhängigkeitskampfes von der Kolonialmacht des Britischen Empires war Kadhi, dass heißt ein auf dem Spinnrad handgesponnenes und folgend handgewebtes Stück Baumwollstoff, ein wichtiges Symbol. Man muss wissen, dass die Kolonialmacht England damals massenhaft Baumwollprodukte aus indischer Rohbaumwolle nach Indien zurückexportierte. Gandhi hatte die Inder in den 1930er und 40er Jahren aufgefordert, Baumwolle zu spinnen und Baumwollstoffe zu weben, um so ein Zeichen gegen diese Billigimporte und somit ihre Abhängigkeit zu setzen.

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Mahatma Gandhi am Spinnrad, dem Zeichen der indischen Unabhängigkeit

England war in dieser Zeit die Hochburg der Textilproduktion. Gandhi erkannte sehr früh, dass zur politischen Unabhängigkeit vor allem auch die ökonomische Unabhängigkeit gehörte. Seine Vision war, dass jedes Dorf Indiens, seine eigene Baumwolle spinnt, diese verwebt und die daraus hergstellte Kleidung lokal verkauft würde. So bliebe die komplette Wertschöpfung im Land und noch viel mehr, sogar im Dorf. Vielleicht kennt ihr die Bilder von Mahatma Gandhi, wie er in ein großes Stück Baumwolltuch gehüllt ist. Das ist Khadi.

Gandhi
Mahatma Gandhi trägt Khadi

Das Spinnrad wurde zum Symbol der indischen Unabhängigkeit und fand sich sogar in der Vor-Unabhängigkeitsflagge der indischen Nationalflagge wieder. Bis heute darf die indische Nationalflagge nur aus Khadi gemacht sein und nur eine Insitution, die KKGSS darf die Flagge herstellen.

Pre Independance Flag India

Zuerst wurde Gandhi für seine Idee ausgelacht, da er mit Hilfe des Webstuhls die Unabhängigkeit von der Weltmacht des britischen Empire erkämpfen wollte. Darauf antwortete Gandhi:

Der Webstuhl ist machtvoll, weil er so klein ist. Er passt in die Hand der ärmsten Frau in der kleinsten Hütte im winzigsten Dorf. Mit Hilfe des Spinnrads wird jede einzelne Person zu einem Machtfaktor gegen das Empire!

Indische Kleidungstraditionen

In Indien trägt man traditionell den Sari, einen Salwar Kamiz (ein Kamiz ist ein längeres Hemd, das locker über einer Hose (Salwar) getragen wird und in aller Regel ab der Hüfte abwärts geschlitzt ist, um mehr Bewegungsfreiheit zu ermöglichen), dazu einen Dupatta (einen langen Schal oder Schleier) oder Männer eine Kurta (ein weit geschnittens Hemd).

Styles of Sari
Verschiedene Sari Stile
Eine Salwar Kamiz
Eine Salwar Kamiz
Dupatta
Eine Dupatta in verschiedenen Stilen drapiert
Eine Kurta
Eine Kurta

Khadi und handgewebe Stoffe waren auch nach der indischen Unabhängikeit 1947 immer präsent. In Indien schätzt man Traditionen. Heute gibt es 28 Bundesstaaten, das indische Föderalsystem ähnelt dem Deutschen. Jeder Bundesstaat und jede Region haben ihre eigenen Bräuche, ihre eigenen Gerichte und auch ihre eigenen Textiltraditionen. Im südindischen Kerala findet man andere Kleidungsbräuche als zum Beispiel im nordindischen Benares. Eine Frau aus dem westindische Maharashtra erkennt an den Motiven, den Farben und der Art und Weise wie ein Sari gebunden ist, woher eine Mitreisende im Zug kommt.

People of India Poster
Die verschiedenen Kleidungsstile Indiens

Seit den 1990er Jahren, der Perestroika in der ehemaligen Sowjetunion und dem Zerfall des Ostblocks, hat der Kapitalismus auch in Indien Einzug gehalten (Indien war und ist qua Verfassung noch eine sozialistische Republik). Mit der Öffnung der Märkte für westliche Waren und Dienstleistungen haben auch westliche Kleidungskonzerne und westliche Kleidung Indien nach und nach überschwemmt. Indien wurde noch mehr Teil der westlichen und globalen textilen Kette, mit allen bekannten Abhängigkeiten und leider oftmals auch Ausbeutungspraktiken. Auf der Konsumentenseite wurden wie bei uns im Westen neue Rollenbilder durch die Werbung kommuniziert, junge Inder wurden zu großen Fans von Jeans und Sneakers der bekannten Marken.

Vogue India
Die indische Vogue mit einem Badeanzug Cover

Im Zuge dessen wurden auch traditionell hergestellte Textilien für eine große Menge von Menschen uninteressant. Die oftmals nicht qualitativ hochwertige Herstellung, ausblutende Farben, langweilige Designs und Stoffe und die gegenüber den glamourösen neuen Geschäften langweiligen „State-Emporiums“, das heißt staubige, staatlich geführte Läden, trugen ihr übriges dazu bei. Jedoch kann man im großen und ganzen keineswegs von einer Verdrängung der indischen Textiltradition sprechen. Nur dass diese eben nun nicht mehr nach traditionellen Weisen hergestellt werden. Sie wurden und werden neu erfunden und der jungen Generation präsentiert.

Vogue Cover zum Thema Sari und Hochzeitskleidung
Vogue Cover zum Thema Sari und Hochzeitskleidung
Traditionelle indische Kleidung neu in Szene gesetzt
Traditionelle indische Kleidung neu in Szene gesetzt
Kurta neu gedacht
Kurta neu gedacht

Seit einigen Jahren erleben ebenfalls Khadi und Handloom ein Revival! Viele Menschen in Indien erkennen, dass mit dem Einzug westlicher Lebens- und Konsumweisen ein großes Stück nativer Kutur in Gefahr ist. Inder sind grundsätzlich sehr patriotisch und zu Recht stolz auf die wahnsinnige kulturelle und textile Vielfalt des Landes. Bekannte indische Desiger wie Ritu Kumar (die auch auf der Konferenz anwesend war), Rohit Bal oder Malini Ramani begannen in den 2000er Jahren sich wieder vermehrt für handgewebte Textilien zu interessieren. Der Staat fördert mit der India Handloom Brand den Erhalt traditioneller Textiltechniken und den Erhalt von Millionen Arbeitsplätzen in diesem Sektor.

India Handloom Brand
India Handloom Brand wird vom indischen Ministerpräsidenten Narendra Modi vorgestellt

Damit Khadi und handgewebte Textilien auch in Zukunft eine Chance haben, sind sich viele Akteure der Modeszene Indiens einig, dass beide einen moderneren Anstrich verpasst bekommen müssen. Darauf zielte auch die diesjährige Konferenz ab.

Avantgarde Designer wie Rahul Mishra, Anju Modi, oder Anita Dongre haben „Khadi and Handloom“ in den letzten Jahren bereits auf eine neue Stufe gehoben.

Rahul Mishras Kollektion in Paris
Rahul Mishras Kollektion in Paris
Anju Modi
Anju Modis Kollektion 2016
Anita Dongre
Anita Dongres Kollektion

Den Kern der diesjährigen Consortium of Green Fashion Konferenz machten über 500 Modestudentinnen aus ganz Indien aus. Ihre Aufgabe bestand drin, sich in Arbeitsgruppen der Frage zu stellen, wie Khadi und hangewebte Stoffe im Jahr 2016 aufgewertet werden können. Die Stichworte hier lauteten: Neue Technologien um Khadi und handgewebte Stoffe aufzuwerten, neue Designs für verschiedene Märkte, Marketing und Branding für Khadi neu denken, Oberflächengestaltung von Khadi, Qualitätsverbesserung, Innovationen.

Paneldiskussion
Paneldiskussion
Einige Eindrücke der diesjährigen Konferenz
Einige Eindrücke der diesjährigen Konferenz
CFG Fashion Show
Die CFG Fashion Show

Den Höhepunkt bildete wie jedes Jahr die Abschlussmodenschau bei der 12 unglaublich kreative Kollektionen einzig aus Khadi und handgewebten Stoffen auf der Bühne präsentiert wurden.

Was hat das Ganze nun mit Slow Fashion zu tun? Nun, eine lokale Produktion, die Verwendung von Naturfasern, umweltfreundliche Farben und eine sozialverträgliche Herstellung sind auch die Stichworte der Ethical Fashion Szene.

Und bei Slow Fashion geht es um mehr, als um die reine nachhaltige Mode. Es geht um ein Bewußtsein, um eine Wertigkeit der Dinge, um das Hinterfragen, wer die Kleidung hergestellt hat, die man trägt. So beginnt alles bei einem selbst. Grüne Mode ist in diesem Sinne eine Philosophie die eben mehr umfasst, als nur korrekte Kleidung.

Wie Gandhi sagte:

Sei du selbst die Veränderung, die Du Dir wünschst für diese Welt.

Den Zusammenhang Khadi und Ethical Fashion hat Ben in seinem Vortrag für Lebenskleidung auf der Konferenz dargestellt. Diesen könnt ihr hier ansehen.

Ethical Fashion kann als der Enkel von Gandhis Idee angesehen werden. Die Stichworte lauten nämlich auch hier: woher kommt der Rohstoff der Kleidung und der Stoffe, wer hat die Kleidung wie hergestellt, wie kann eine lokale Wertschöpfungskette aussehen, wie können wir Kleidung herstellen, ohne der Umwelt zu schaden.

Let´s call it a Fashion Revolution!

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