Lebenskleidung stellt vor: „Heimat neu entdecken“

Heimat neu entdecken
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Anfang Januar ist es wohl gewesen, als uns die Mail einiger Studierenden von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin erreichte. Die Bitte: Stoffreste und Nähzubehör.

Beides benötigten die Studenten der Bekleidungstechnik und des Modedesigns für das von ihnen gemeinsam mit der Professorin Monika Fuchs ins Leben gerufene Projekt „Heimat neu entdecken“. Nachdem wir ein Päckchen mit Lebenskleidung-Stoffen zusammengeschnürt hatten, dessen Inhalt inzwischen hoffentlich erfolgreich verarbeitet werden konnte, ist uns das Projekt dennoch nicht aus dem Kopf gegangen. Deswegen haben wir uns in der vergangenen Woche mit Monika Fuchs, die an der HTW in den Fachgebieten Produkt- und Prozessmanagement, Arbeitswissenschaften und Wäschepflege im Haushalt lehrt, am Telefon über „Heimat neu entdecken“ unterhalten.

Am Anfang, so erzählt sie, stand der Wunsch, geflüchteten Frauen zu helfen. Die Idee, das Projekt dezidiert und ausschließlich für Frauen zu öffnen, soll dabei dem Wunsch Rechnung tragen, diejenigen besser zu integrieren, die sich weniger schnell und selbstverständlich in unserer Gesellschaft bewegen können. Dass das nicht nur, aber eben auch eine Frage des biologischen Geschlechts und patriarchalischer Strukturen in den Herkunftsländern wie hierzulande ist, ist bekannt – es vermag das Problem, dass geflüchtete Männer sich oft auf einfachere und vielfältigere Weisen integrieren können, jedoch nicht zu lösen. Entsprechend haben Monika Fuchs und die Studentinnen und Studenten vor dem Hintergrund dieses Befundes den Gedanken gesponnen, das Projekt um eine Tätigkeit herum zu entwickeln, die den Frauen vertraut ist und mit der sich für sie der Begriff ‚Heimat‘ verbindet – das Nähen.

Dass Konzept und Umsetzung nicht sofort zur Deckung gebracht werden können, darauf waren Monika Fuchs und die Studierenden gefasst. Dass es fast anderthalb Jahre dauern würde, eine gewisse Kontinuität in „Heimat neu entdecken“ zu bringen, hat sie allerdings überrascht. Rückblickend leuchten die Gründe dafür aber schnell ein. Zunächst war es tatsächlich ein Problem, mit den Frauen in Kontakt zu treten, die Initiative zu bewerben und sich sukzessive zu vernetzen. Es ist insbesondere der Hilfe zweier Studentinnen zu verdanken gewesen, dass schließlich jene Kontakte hergestellt wurden, die sich als entscheidend erwiesen – zum Verein THFwelcome und zum Sharehaus Refugio in Neukölln. Während sich in Tempelhof zweimal wöchentlich für zwei Stunden nicht nur an die Nähmaschinen gesetzt, sondern auch gezeichnet, zugeschnitten und ausgebessert wird, um Sachen für die eigene Kleidersammlung zu kreieren, werden im Refugio eher Taschen und andere Accessoires nach Nähanleitung hergestellt und teils sogar verkauft – eine Art eigene Ökonomie entsteht.

Die Frage nach dem Zulauf und der Resonanz lässt sich indes auch viele Monate nach dem Start des Projektes nur schwer beantworten. Das liegt zum einen daran, dass die bisweilen starke Fluktuation eine Größe ist, die sich nicht beeinflussen lässt. Wie auch? Im Angesicht von unmittelbar drängenden Fragen und Sorgen zu Bleiberecht oder Aufenthaltstitel rückt das Nähen in den Hintergrund. Und auch die Sprache wird oft zur Barriere, sodass es schwer ist, im Dialog herauszufinden, was im Einzelnen wie zu bewerten ist. Dennoch: Das Projekt öffnet mehrmals wöchentlich einen Raum, in dem die Frauen im Mittelpunkt stehen, in dem es um ihre Selbst- und Mitbestimmungsmöglichkeiten, um Schutz, Interesse und Anerkennung geht.

Davon, dass das Projekt weiter fortbestehen wird, ist Monika Fuchs überzeugt. Sicher, die beiden Studentinnen, die die entscheidenden ersten Schritte möglich gemacht und getragen haben, werden in nicht allzu ferner Zukunft ihre Abschlüsse machen und die HTW verlassen. „Heimat neu entdecken“ läuft inzwischen aber unabhängig vom Takt des Semesters wöchentlich weiter und wird als Schlüsselkompetenz-Fach außerdem in den Veranstaltungskatalog aufgenommen werden. Die Übergabe an die nächste Generation von Studierenden wird aber nicht nur dadurch möglich gemacht: Bei „Heimat neu entdecken“ werden jede Idee und jeder Schritt sorgfältig dokumentiert, die Schnitte, mit denen im Rahmen des Nähkurses von THFwelcome gearbeitet wird, werden gesammelt, damit diejenigen, die später hinzustoßen, darauf zugreifen können.

Für die Zukunft wünscht sich Monika Fuchs zuallererst, dass das Projekt mit jener Kontinuität weiterlaufen kann, die inzwischen erreicht wurde. Aber auch, dass es einen Beitrag zu dem leistet, was Integration für sie und die Projektteilnehmer*innen bedeutet – eine Form gelebter Interkulturalität, bei der Wissen zirkuliert und sich neu etabliert, gemeinsame Ideen entstehen und Schutz und Respekt eine Selbstverständlichkeit sind.

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